Auslassungen und Kontinuitäten nach 1945
Auch viele Jahrzehnte nach den Ereignissen ist das öffentliche Erinnern an Kriegsverbrechen und Völkermord bleibt ein kontroverses Feld. Offizielle Erklärungsmodelle, Erinnerungskultur und Entschädingungspolitik werden geprägt von der jeweils herrschenden Politik und ihren Strukturen, aber auch dominanten moralischen und ethischen Werten in der Gesellschaft. Das bedeutet, dass die gegenwärtige Verfasstheit einer Gesellschaft auf die Interpretation ihrer Vergangenheit zurückwirkt und damit auch die Erinnerungspolitik wesentlich bestimmt.
Die Vorträge von Kathrin Herold und Walter Manoschek beleuchten Auslassungen, Tabus und Widersprüche in den Erinnerungspolitiken (West-)Deutschlands und Österreichs, deren Geschichtskonstruktionen unterschiedlicher nicht sein könnten. Während vom deutschen Staat die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis schwerlich abgelehnt werden konnte, sah sich Österreich als erstes Opfer Hitlerdeutschlands. Die Waldheimdebatte, die Wehrmachtsausstellung und die Bürgerrechtsbewegung der Roma und Sinti haben gerne gehegte Geschichtsbilder von der „sauberen Wehrmacht“, der Entnazifizierung, der Entschädigung der Opfer und der Bestrafung der Täter ins Wanken gebracht.
Der Film Das Falsche Wort beweist anhand von unveröffentlichten Dokumenten die Vorenthaltung von Entschädigungszahlen für die als „Zigeuner“ verfolgten Roma und Sinti in Deutschland. Der strukturell verankerte Antiziganismus stellt eine von zahlreichen Kontinuitäten nach 1945 dar und hat die Anerkennung des Völkermords and den Roma und Sinti lange herausgezögert. Bis zum heutigen Tag verhindert der Antiziganismus der europäischen Gesellschaften das Ende der Vertreibungen und Diskriminierung der Überlebenden Roma und Sinti und ihrer Nachkommen.
Programm
Freitag, 05.10., 19h, Filmvorführung
Das Falsche Wort. Wiedergutmachung an Zigeunern (Sinte) in Deutschland? Ein Film von Katrin Seybold und Melanie Spitta, 1987, 85 min.
Der Dokumentarfilm "Das Falsche Wort – Wiedergutmachung an Zigeunern (Sinte) in Deutschland?" zeigt zum ersten Mal die Verfolgung der deutschen Roma und Sinti zur Zeit des Nationalsozialismus aus der Sicht der Verfolgten. Aufgenommen haben ihn Melanie Spitta, Tochter von Überlebenden und die Filmemacherin Katrin Seybold, in einer Zeit, als Vertreter der Sinti und Roma in Deutschland gerade begannen, die verspätete oder verweigerte Wiedergutmachung an den Überlebenden und den groben Umgang der bundesdeutschen Behörden mit den Antragstellern öffentlich zu kritisieren. Der Film aus dem Jahr 1987 bringt bis dahin unbekannte Dokumente ans Licht, darunter Polizeiakten und Fotografien der Nazis, die medizinische Experimente an den im KZ inhaftierten Kindern, Frauen und Männern durchführten.
Warum hielten die bundesdeutschen Behörden diese Dokumente zurück? Überlebende und ihre Kinder berichten über den oft vergeblichen Kampf um Entschädigung und Anerkennung der rassistisch motivierten Verfolgung und Ermordung und die über kontinuierliche Diskriminierung der Roma und Sinti durch die deutschen Behörden.
Katrin Seybold wäre gerne in Belgrad gewesen um ihren Film selbst vorzustellen. Leider ist sie unerwartet am 27. Juni in diesem Sommer verstorben. Wir trauern um eine aussergewöhnlich engagierte Filmemacherin, deren wichtige künstlerische Arbeit wir mit der Vorführung ihres Filmes im Rahmen unserer Veranstaltung würdigen wollen.
Samstag, 6.10., 17-20h, Vorträge und Diskussion
17.00 -18.15: Kathrin Herold: Roma und Sinti als Opfer von Völkermord: Erinnerungspolitik in (West)deutschland seit 1945
18.30 – 20.00: Walter Manoschek: Erinnerungspolitik an den Nationalsozialismus in Österreich. Vom Opfer zum Mittäter